Werner von Mutzenbecher
8/1/D999R
  

2. bis 10. Dezember 2017
Vernissage am 1. Dezember um 18:00 Uhr

 

Kuratiert von Roman Kurzmeyer

 

 

 

Öffnungszeiten

2. Dezember, 16:00 bis 19:00 Uhr
3. Dezember, 14:00 bis 17:00 Uhr
6. Dezember, 16:00 bis 19:00 Uhr
8. Dezember, 16:00 bis 19:00 Uhr
9. Dezember, 16:00 bis 19:00 Uhr
10. Dezember, 14:00 bis 17:00 Uhr

Und nach Vereinbarung simon.wuersten@fhnw.ch 

 

 

Werner von Mutzenbecher ist Maler, Filmemacher und Autor. 1987–2000 leitete er die Fachklasse für freies bildnerisches Gestalten (Malklasse) am Studiengang Kunst der Schule für Gestaltung in Basel. Mit dieser Ausstellung kehrt Werner von Mutzenbecher für kurze Zeit an die Hochschule zurück und gibt einen Einblick in sein aktuelles Schaffen.

 

Ausstellungen können unterschiedliche Formen annehmen. Uns interessieren neuartige, erst noch zu entdeckende und zu erprobende, prozessorientierte Ausstellungsformate, welche Künstler aus ihrem künstlerischen Handeln heraus entwickeln. Die Ausstellung als Medium der Kunst zu verstehen, kann heissen, den bildnerischen Prozess und die Formfindung in die Ausstellung hineinzutragen oder die Ausstellung als eigene Werkform zu verstehen und entsprechend zu gestalten. Ausstellungen geben Auskunft über die spezifische Ästhetik einer künstlerischen Arbeit und können diese transformieren. Werner von Mutzenbecher wollte nicht zurückschauen, sondern an der Hochschule mit einer Ausstellung neuer Arbeiten wahrgenommen werden.

 

Bekannt geworden war Werner von Mutzenbecher in den 1980er-Jahren mit flächigen Gemälden, auf denen es, wie Sabine Gebhardt Fink treffend feststellte, keine Überlagerungen gibt, „alles ist Figur und Grund“. Diese einfachen, spielerisch geordneten Kompositionen benutzen geometrische, monochrome Formen für sichtbar konstruierte Bilder, die nie ungegenständlich erscheinen, sondern in einem abstrakten, modellhaften Sinne eine Welt der Dinge evozieren. Dieses selbst- verständliche Zusammenspiel von Abstraktion und Figuration ist Merkmal seiner Kunst, nicht nur von Malerei und Zeichnung, sondern auch seines filmischen Schaffens.

 

Für den britischen Kunsthistoriker Timothy J. Clark führt die Frage nach dem Verhältnis von Abstraktion und Figuration zum Kern des modernen Bildverständnisses. In seinem Buch Jackson Pollock. Abstraktion und Figuration (1994) diskutiert er diese Frage ausgehend von Fotografien Cecil Beatons, die 1956 im Modemagazin Vogue erschienen und zwei Mannequins vor Arbeiten Jackson Pollocks zeigen. Der Text fragt nach „dem öffentlichen Leben von Pollocks Malereien“ und behauptet, dass die kapitalistische Kultur jede Arbeit gegen das Figurative überlistet und „zu einem Aspekt ihrer eigenen Figuration macht“. Den Modernismus versteht er als eine Kunstrichtung, „die ohne den Glauben ihrer Erschaffer, dass das, was sie taten, wirklich Widerstand oder ein Hinausgehen über das normale Kulturverständnis war, keinen Sinn hätte.“ Wie alle abstrakten Künstler der ersten Phase der Moderne wollte auch Pollock „die Beziehung des Bildes zur Welt der Dinge“ beenden, entdeckte dabei aber, dass dies nicht möglich ist, weil sich der eigene Körper immer in die Malerei einschreibt. Mit dem Ende des Modernismus in den späten 1960er-Jahren wird die Figuration ein Bestandteil der Abstraktion und bleibt es bis heute. Von einem „Streit um die Moderne“, der nicht mehr die Gegenwart meine, sondern den Rückblick auf eine möglicherweise schon abgeschlossene Bewegung oder Epoche, sprach der deutsche Kunsthistoriker Hans  Belting. Sein Text erschien vor bald dreissig Jahren, im Katalog zur Ausstellung „Bilderstreit. Widerspruch, Einheit und Fragment in der Kunst seit 1960“, die die beiden Ausstellungsmacher Johannes Gachnang und Siegfried Gohr im Jahr 1989 in Köln ausrichteten. Werner von Mutzenbecher, der 1957–1960 an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel studierte, gehört zu jener Künstlergeneration, der es als erster gelang, den alten Gegensatz von Figuration und Abstraktion hinter sich zu lassen.

 

Die Ausstellung, die Werner von Mutzenbecher für den Ausstellungsraum der TANK vorbereitet hat, trägt den Titel 8/1/D999R. Es ist der Versuch eines Künstlers, die Ausstellung selbst als Möglichkeitsform aufzufassen. Neben dem Gemälde Achill und Patroklos (2007) umfasst sie eine Serie von acht, hier erstmals zu sehenden Gemälden gleichen Formats, von denen der Künstler eines erst während der Ausstellung zu malen beabsichtigt, sowie ein Motorrad, das er nie fahren wird. Er malte ungegenständliche, einfarbige Formen auf Tuch, die er auf einem einfachen, regelmässigen Raster aus horizontalen und vertikalen Linien entwickelt hat.
Es sind zeichenhafte Bilder, die die Begrenzungen des Bildraums einhalten. Das Rundbild ist eine Arbeit nach einer altgriechischen Vasenmalerei aus den Staatlichen Museen zu Berlin. Eine Darstellung der beiden Helden Achill und Patroklos aus der griechischen Mythologie. Patroklos fällt im trojanischen Krieg, in den er seinem Freund Achill folgte und in dessen Rüstung er kämpfte. Die Arbeit gehört zu einer Gruppe von Gemälden des Künstlers nach kultur- und kunstgeschichtlich bedeutenden Figurenbildern, die er kopierte und dabei seinem eigenen Werk anverwandelte. Werner von Mutzenbecher bezeichnet diese Werke als Paraphrasen. Die für die Ausstellung geschaffenen Bilder stehen vor den Fensterflächen auf dem Boden, die leere, erst noch zu bemalende Leinwand lehnt an der einzigen festen Wand des Ausstellungsraums. Über ihr hängt auf kartonfarbener Wand die berührende Darstellung von Achill, der seinen verwundeten Freund Patroklos pflegt. Im Raum steht eine elegante Ducati 999 R Rennmaschine in den vom Maler bevorzugten Farben Weiss, Schwarz und Rot. Kein Ready-made, sondern die späte und beglückende Erfüllung eines Bubentraums, wie in Werner von Mutzenbechers Erzählband „Jonathan träumt“ (2014) nachzulesen wäre. Werner von Mutzenbecher zeigt uns eine Ausstellung, die einerseits von Energie, Geschwindigkeit, Geschicklichkeit und Entschlossenheit, andererseits aber auch von Transformation, Transfiguration sowie nicht zuletzt von Empathie handelt. Die unterschiedlichen, sich gegenseitig spiegelnden Elemente in dieser Ausstellung vermögen durch ihre visuellen Eigenschaften Vorstellungen und Gefühle zu wecken und schaffen einen Gedankenraum, der uns allen offensteht.

 

Zur Ausstellung wurde ein Interview von Roman Kurzmeyer mit Werner von Mutzenbecher zu seiner Künstlerbiografie und damalige Tätigkeit als Leiter der Malfachklasse der Schule für Gestaltung in Basel neu veröffentlicht 

→ Interview lesen

 

 

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Fotos der Eröffnung: Guadalupe Ruiz
Ausstellungsansichten: Christian Knörr 

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Der Tank 
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