BE HEAD

Workshop mit Birgit Kempker und Andreas Thierstein

 

29. – 30. November und

 21. – 23. Dezember 2016

 

 

 

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headman headache headband head hunter airheaded acidhead!

 

Meine Augen zucken jedes Mal, wenn jemand seinen Tonklumpen auf die Tischplatte knallt. Kleine Tonfetzen lösen sich, spritzen durch den Raum zu mir auf die Turnschuhe. Die feuchten Hände rutschen matschig, fahrig durch die Masse, fahren mit fleischigen Gliedern durch das kompakte Material und versuchen, den Ton mit immer mehr Feuchtigkeit sich gefügig zu machen. Die ersten Paar waschen sich schon die Hände, weil sie mit soviel Intimität wohl nicht gerechnet hatten und sie kratzen sich mit Eifer die Spuren dieser Zusammenkunft wieder aus den Fingernägeln. !  
Der klebrige Ton hat sich nach langer Bearbeitung zu einer Form zusammen schlagen lassen.

 

ahead bowhead headliner headphones headnote beheads bighead !
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Mittagspause. Ein paar Langschläfer trudeln ein und fangen an, den harten Ton mit zarten Händen weich zu klopfen. Mit Gewalt und Hilflosigkeit bearbeiten sie die steife Masse und lächeln dabei erschöpft vor sich hin. Ich habe meinen Stuhl in die Ecke gestellt und überblicke von hier aus den Raum. Zuerst habe ich nur zugeschaut, dann kam ich mir blöd dabei vor, wie ein Aufseher die Anderen bei ihrer Knet-Technik zu beobachten wie ein Spanner, der dabei zuschaut, wie Leute dem Ton Befriedigung verschaffen. Ein Typ mit buntem Pullover trägt ein Stück Stoff mit Zebramuster als Augenbinde um den Kopf; es sieht aus, als würde er blind ertastend dem Ton den Krieg erklären. Zuerst rollt er den Ton flach aus, immer breiter lässt er ihn sich ausfächern, wirft ihn durch die Luft wie eine Pizza. Anschliessend schlägt er den Klumpen zu einem Viereck zusammen, zieht die Ecken scharf und korrigiert die Symmetrie. Dann packt er das Viereck und schlägt mit dem Aussenrist der Hand Dellen hinein, der Ton fällt um das Fleisch herum zusammen, sackt ein, gibt nach. !
Oben an der Decke ist ein breites Fenster, von dem aus die Leute zu uns herein staunen. Man überlegt, Tonklumpen gegen das Fenster zu schleudern.

 


Der Typ mit Zebraband hat einen Kopf gemacht, der nicht auf den Kopf gestellt werden kann, weil er in beide Richtungen ein Gesicht ist. Einmal ein glücklicher Troll, dann ein trauriger Gartenzwerg. Jetzt schlägt er den Klumpen wieder zusammen. !
Ich bin wirklich sehr müde. Ich habe gute Laune. Es ist wahnsinnig kalt draussen. Überall platzt die

 

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Haut auf und fängt an zu bluten. Ich denke an ein Bett aus Ton. Ich frage mich, ob Ton gut für Wunden und die Haut ist, denn meine Haut ist voller kleiner Schnitte und in die zerbrechenden, trockenen Hautzellen habe ich jetzt Ton reingerieben.! Die Leute klopfen fleissig weiter auf ihrem Ton herum. Die Künstler in diesem Workshop sind alle Künstler, das sieht man ihnen an. Sie haben diesen Blick, das Auge für das Besondere, geschult im Glanze ihres Individualismus. Die ausgehöhlten Köpfe, die blind ertastet und geformt worden sind, sie wurden ausgegossen mit Wachs, heissem Wachs, der sich in jede Kerbe setzt und den Kopf von Innen ausfüllt. Das erste Resultat ist schon vorhanden, der hart gewordene Wachs wurde heraus gepopelt und liegt jetzt als Eisklumpen auf dem Tisch, schimmert bläulich und erinnert nur sehr vage an ein Gesicht. Wachswülste drücken nach aussen, wie Finger, die in dem Wachs eingesperrt wurden und jetzt raus wollen. 


 

Jetzt, in der zweiten Runde, soll ein Gesicht von Aussen geformt werden, ebenfalls ohne hinzuschauen. Viele interessieren sich dafür allerdings nicht mehr. Der Zebraband Typ hat jetzt ein Gesicht geformt, dass nach Trump aussieht. Eine macht kleine Kugeln und Figuren. Irgendwer hat ein Einhorn geformt, mit einem zu grossen Horn, der Kopf wird angezogen von der Schwerkraft, neigt sich gefährlich der Tischplatte zu. Um dies auszugleichen, wird mehr Masse an den Hals gegeben, der inzwischen so dick ist wie der Körper. Irgendwer formt einen Drachen oder eine Echse, die auf dem Boden liegt und mit dem dornigen Schweif um sich schlägt. Man könnte jetzt eine gute Idee haben, warum der Ton als Material zu Fantasieformen – und Wesen anregt. Eine Frau versucht eine Hand mit knochigen Fingern zu formen. Sie neigt die Finger, streichelt über die Hand, bearbeitet die einzelnen Glieder mit Vorsicht als würde sie die Hand eines Babys eincremen. Der Zebraband Typ formt jetzt eine lange Wurst, türmt sie nach oben hin auf wie eine Schlange. !

 

Jetzt haben die Dozenten über den Plan und die Vorgehensweise gesprochen. Alle im Raum wirken mundfaul und konzentrieren sich viel auf ihre Hände. Manche benutzen die Hände zum Formen, manche schauen ihre Hände an, ich schreibe über meine Hände. !

 

headsets headline bubblehead vagin-a-head headpieces warhead swellhead !

 

Der Tank ist schon voller Luftballons. Manche sind mit Gesichtern bemalt, an andere wurden Becher und Zettel gehängt, die die Ballons unter die Decke getragen haben. Es wird gepustet und in der Ecke steht eine Heliumflasche. Ob der Tank sich wohl freut über so viel Helium zwischen seinen Flügeln? In der Ecke hängt eine weisse Ballon-Fratze, die roten Lippen sind weit aufgerissen, präsentieren stummelige Zähne, und darüber prangt eine breite, kurze Nase, die wütend sich gegen die verzweifelten Augen zur Wehr setzt und sie an die Ränder drückt. Darunter hängt ein Schild auf

 

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dem ‚Fuck – ich will runter‘ steht.Und Jesus. Mit einem lauten Knall wird ein Helium-Ballon von der Flasche in Stücke gerissen. Die Leute gönnen sich eine Portion Helium und stimmen ein Chipmunks Konzert an.!
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dumbhead fathead farthead dickhead headquarters clearheadedness headier!

 

Im Tank sind alle Ballone auf den Boden gesunken über Nacht. Jetzt wird weiter probiert. Laut hallt das Lied durch den Raum: „All the tired horses in the sun, how am I supposed to get any riding done?“ Das Lied ist unterschlagen von einem Gedudel und Gequiek, unseren Stimmen auf Helium, die freundlich das Lied gestalten. Wir klingen wie ein verwirrter Haufen Chipmunks. Immer mehr Ballons werden aufgepustet, man hört das erschöpfte Zischen der Heliumflasche. Ein Mädchen sitzt in der Ecke und malt abwechselnd auf zehn verschiedenen Blättern, mal hier ein Strich, mal dort ein Strich. Ein Bild von einem traurig aussehenden Mann hängt an einem weissen Ballon, der zu schwach ist, zu steigen. Der Ballon stellt das Bild nur auf die Kante, lässt den Kopf des Mannes senkrecht aufstehen, der nur durch den Wind von sich bewegenden Beinen vorsichtig auf seiner Kante umher tänzelt. Ein Typ mit Harry Potter Brille und Bart versucht Ballons mit dem Handrücken in die Luft zu schlagen, die zu schwer sind für ihr Gewicht. Es knallt, und ein Ballon platzt. Der Typ mit dem Bart und der Harry Potter Brille greift sich ans Herz und symbolisiert, dass er erschreckt worden ist. Ein grüner Ballon grinst mich an, mit einem Kreuz als Nase und einem breiten, schwungvollen Mund. Der traurige Mann, der auf seiner Kante umher tänzelt, hat seinen Blick jetzt mir zugewandt und schaut kritisch, enttäuscht. Gestern, als die Ballons noch schwebten, sah der Raum lebendiger aus, erinnerte an eines dieser Ballbäder für Kinder, nur dass die Bälle an der Decke hingen. Heute sieht der Raum aus wie ein Friedhof, ein Friedhof von Fratzen und dem Boden zugewandten Gesichtern, wo der Spass von gestern über Nacht gestorben ist. Allerdings ist nirgendwo festgelegt, dass die Lebendigkeit ein Zeichen für Qualität sein muss. Der Raum gewinnt allerdings auch immer mehr wieder an Leben, weil den vielen Gestrandeten mit mehr Ballons wieder Auftrieb geschenkt wird.!

 

head-o-phile !

 

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Die Konstruktion erinnert an ein misslungenes Zirkuszelt. Es wird jetzt alles final aufgestellt. Die meisten Studenten fehlen, um zu sagen, wann sie ihre Arbeit als fertig betrachten. Einsame Skulpturen und Ballonfetzen liegen und stehen noch herum. Scheinwerfer wurden aufgestellt für die entsprechende Beleuchtung. Irgendwo heisst es: „I love head“ und „Happy head“. Einem Kopf kann man jegliche Emotionen zuschreiben, es ist ja ein Kopf, er kann alle Emotionen haben, die man ihm gibt. Und wir sind auch alle da, mit unseren Köpfen, wir haben auch jegliche Emotionen auf unserem Kopf.

 

Dieser Text ist von Marshall Maihofer. Wir haben ihn zu einer Berichterstattung eingeladen. Vielen Dank.

 

 

 

 

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