Bewusste Pflanzen Zittern

Workshop mit Simon Wunderlich und Birgit Kempker

 

8. Februar – 12. Februar 2016

 

 

 

Bericht von Marshall Maihofer, Gast vom Literaturinstitut Biel, herzlichen Dank!

 

Wir zittern in einem grossen Container. Drei Seiten aus Glas, mit Aus – und Einblick auf Tramschienen und Schulareal. Wir legen uns dort auf den Boden und bekommen Anweisungen, wie wir zu zittern haben, in welchem Winkel wir die Knie halten sollen, um den Zittermoment des Muskels zu verstärken.

 

Wir haben uns eingestimmt, in dem wir über schamanische Heilrituale gesprochen haben und über eine Prüfung, um die Feigheit zu überwinden, bei der man sich am 28. Jeden Monats ein Jahr lang ein geklautes Steak unter den Hoden bindet, um es nach Ablauf dieses Tages mit einem männlichen Hund als Mahlzeit zu teilen. Ich frage mich, woran ich denn merken soll, dass sich meine Muskeln entspannen. Manchmal spüre ich keinen Unterschied, wenn jemand zu mir sagt, da bist du entspannt und dort unentspannt. Wir werden angehalten, auf die kleinsten Regungen unseres Körpers zu achten, ‚sensual awareness’ zu praktizieren. Ich frage mich, woran ich denn weiss, dass mein Geist mit dem Körper in Einklang steht. Ich kann mit dem Kopf meinen Körper ertasten, nach dem Einklang suchen, aber vielleicht lügt er mich ja an.

 

Das Zittern beginnt zu erst in den Knien und drückt sich dann als Vibration in das Becken. Mein erster Gedanke ist, es fühlt sich an, wie auf einem unangenehmen Sexspielzeug zu sitzen. Die Vibration wandert die Wirbelsäule hoch und bringt den Brustkorb zum Dröhnen. Erst war die Brust mir beklemmt, hat sich eng zusammen geschnürt und mein Verstand mahnte mich, dass ich so bloss einen epileptischen Anfall provozieren würde, dass ich lieber aufhören sollte. Ich wollte aufhören. Dann fiel mir ein, dass das Schwachsinn ist und neue Erfahrungen sich eben seltsam anfühlen.

 

Wie gelingt es mir also, bewusst den eigenen Körper zu beobachten ohne externe Spiegelfunktion? Ich hab nicht wirklich verstanden, was die Regungen in meinen Gliedmassen mir sagen wollten.

 

Das Becken vibriert also weiter. Ich beobachte die Decke. Wie damit umgehen, wenn der Körper die Kontrolle verliert? Zittern bedeutet doch Angst, ist doch Ausdruck der Angst, ist Androhung des Körpers, der sich beklagen möchte über die schlechte Behandlung, welcher er unterzogen wurde. Das Zittern von Gliedmassen erscheint mir eigentlich nicht als positive Reaktion auf egal was auch immer.

 

Ich denke zurück an den Raum. Sich Raum nehmen für die eigene Entspannung. Raum ist das Stichwort. In einem Raum sein, Raum sein. Zittern bedeutet, den eigenen Gefühlen im Körper Raum geben, sie in Becken und Knien widerklingen zu lassen. Ich sage mir das. Ich stelle mir vor, wie ein gefühlvolles Ich in meinen Knien sitzt und Emotionen verarbeitet, sich gegen die Knochen wehrt, sich Raum nimmt. Ich versuche Raum zu sein in meiner Umwelt, höre das Rattern, Brausen, Knallen des Windes und spüre Luftzüge in meinem Haar, in meinen Lungen, wie sie zwischen Dachdielen und Plastikplanen knattern und die Ketten der Zäune in meine ratternde Wirbelsäule verwandeln.

 

Okay, ich konzentriere mich. Fühlt sich eigentlich ganz witzig an. Ich starre an die Decke. Desto länger ich zittere, desto mehr habe ich das Gefühl, das Zittern ist nicht in mir sondern an der Decke. Da hängt ein brauner Faden zu mir runter. Er hängt nicht über der Mitte meiner Augen, sondern einen Zentimeter zu weit rechts. Ich neige meinen Kopf nach rechts und bilde mir ein, es sei die Mitte. Ich frage mich, ob dieser unmittige Faden meinen körperlichen Zustand widerspiegeln möchte. Ich mein, ich könnte auch einfach mit meinem ganzen Körper einen Zentimeter nach rechts rutschen, stattdessen wähle ich mir genau diese Position aus. Will ich damit sagen, mein Körperbewusstsein orientiert sich nach rechts? Dieser Faden stört mich, doch irgendwie möchte ich an der Situation nichts ändern.

 

Irgendwann hören wir auf zu zittern. Mein Gesprächszentrum will nicht so ganz in die Gänge kommen, doch ansonsten fühle ich mich sehr belebt.

 

 

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Fotos: Nico Jost

 

 

 

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