• Dominic Michel

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  • Nelly Debernardi gezeigt von Noemi Pfister

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  • Gerome Gadient

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  • Fabio Sonego

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  • Installation View, Walking Through Clear Water in a Pool Painted Black, Kunstverein Freiburg

Walking Through Clear Water in a Pool Painted Black

Das Institut Kunst zu Gast im Kunstverein Freiburg

16. – 18. November 2018

Die Ausstellung Walking Through Clear Water in a Pool Painted Black ist eine Carte Blanche für junge Künstlerinnen des Institut Kunst der HGK FHNW in Basel, begleitet von Alice Wilke, Marion Ritzmann und Steven Schoch. Ausgehend von der Architektur des Kunstverein Freiburg, einem ehemaligen Schwimmbad, präsentieren Louise Bozelec, Dominic Michel, Gerome Gadient, Till Langschied, Noemi Pfister und Fabio Sonego aktuelle Arbeiten mit Sound, Video und Performance, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen.

Für manche ist es «Schwarzmalerei», für andere hingegen schlichtweg «Klarsehen», wenn Kunst sich ausgerechnet nicht mit den überwiegend schönen Dingen des Lebens beschäftigt. Jenseits aller Fragen steht fest, Künstlerinnen sind die Seismographen unserer Gesellschaft, mit ihrem Schaffen verweisen sie auf das Brodeln der gegenwärtigen Zustände – oder mit den Worten von Cookie Mueller (der Titel der Ausstellung bezieht sich auf ihr Buch aus dem Jahr 1990) gesprochen: Sie versuchen, uns zum Sehen zu bringen. In ihrem Text Last Letter 1989 beschreibt sie den tiefgreifenden Horror jener Epidemie, die in den späten 80er Jahren beinahe eine ganze Generation von Kunstschaffenden auslöschte und am Ende auch sie selbst das Leben kostete. Wenngleich AIDS aktuell nicht mehr die weltweiten Schlagzeilen dominiert, erleben wir dennoch andere Formen jenes bodenlosen Horrors, der «gösser ist, als der Welt jetzt bewusst ist» und um dies zu begreifen, ,«müssen wir sehen, wer uns gestohlen wird». Es sind stets jene Individuen, welche die Fähigkeiten besitzen «die Qualität unser aller Leben zu verbessern, die sich gegen die allgemeine Ignoranz, den Bankrott der Schönheit und die Versäumnisse in der Kultur stellen», jene Stimmen, die «Kleinlichkeit, Intoleranz, Bigotterie, Mittelmäßigkeit, Hässlichkeit und Kurzsichtigkeit hassen und verachten», die in den heutigen sozial-politischen Entwicklungen am meisten gefährdet sind. Unsere Gesellschaft braucht daher die Kunst als Wirkmittel gegen solche Viren, die verstärkt unsere Organismen befallen und unser Denken und unsere Freiheiten bedrohen. Den hier versammelten Werken gemeinsam ist die Art und Weise des künstlerischen Umgangs mit Themengebieten, die einerseits durchaus politisch gefärbt sind und andererseits dennoch – oder gerade deswegen – mit einer spielerischen Leichtigkeit, mit Humor und Empathie verhandelt werden.

Gleich zu Beginn der Ausstellung empfängt uns die Arbeit Lifelike (2018) von Till Langschied, dessen Performance in einem Setting aus bunten Plastikfiguren und einem Video mit Found Footage-Material aus diversen Vergnügungsparks stattfindet.
Langschied inszeniert sich wiederholt als fiktive Figur Tumaroh und mit dem Abtauchen seines Alter Egos in virtuelle Realitäten hinterfragt er zugleich kritisch unseren selbstdarstellerischen Umgang und der medialen Verdopplung unserer Existenz auf diversen Internet Plattformen. Im Obergeschoss zeigt Langschied seine Videoanimation Fontaine – When Dreams were Almost Reality (2018), eine Reflektion zu jenen, primär auf dem Rohstoff Erdöl basierenden, Dystopien unserer Tage.

Dahinter gelegen und ebenfalls innerhalb eines Settings aus verschiedenen alltäglichen Gegenständen findet die Performance lt is cloudy on the third floor (2018) von Louise Bozelec statt. Ausgehend von der japanischen Tanzlehre Butoh, dem bildhaften Titel und in Bezug auf den Raum der Ausstellung beschäftigt sie sich mit der Frage, durch welche Elemente verschiedene Körperhaltungen geformt und wie sie durch die Kombination von Bewegungen, Sprache und Objekte transformiert werden können. Die Haltung eines Körpers vermittelt zugleich eine Geisteshaltung und so erzählt Bozelec von der sozialen Rolle des Individuums innerhalb unserer Gesellschaft.

An der Stirnseite des Raumes befindet sich das Werk von Fabio Sonego, einem Ensemble aus Wandzeichnung und zwei Skulpturen. Die Zeichnung entsteht durch eine Performance des Künstlers, bei der er mit den jeweiligen Geschlechtern der Figuren eine Art Partitur in die Fläche ritzt. Schwarz und Weiss, Yin und Yang, maskuline und feminine Elemente führen einen Dialog, bei dem es Sonego um das Nichtsichtbare – jedoch spürbare Kräftemessen und Ausbalancieren von Gegensätzen in Beziehungskonstellationen und der Liebe geht.

Auf dem Weg ins Obergeschoss befindet sich in beiden Treppenaufgängen die Soundinstallation von Dominic Michel. Die Arbeit No Presence No Ability No Reflection No Devotion besteht aus einem Audiofile, das von hängenden Lautsprechern aus im Raum erklingt. Michel hat zusammen mit mehreren Kleinkindern im Alter bis 3 Jahre – jener Phase, in der sich das Selbstbewusstsein herausbildet – musiziert und die dabei entstandenen Improvisationen zu einer Komposition zusammengefügt, die den Ausstellungsraum in unterschiedlicher Intensität bespielen. Dazu hängt im Obergeschoss eine zweiteilige Fotografie, eine Momentaufnahme, die er bei einer Pekingreise in der Verbotenen Stadt aufgenommen hat.

Auf der gegenüberliegenden Seite hängt die Buntstift-Zeichnung von Nelly Debernardi, einem Bild das Noemi Pfister im Zuge der Aufnahmen zu ihrem Film Nelly e Ja Sirenella (2018) persönlich von der Protagonistin geschenkt bekam. Pfister hat Debernardi in ihrer Werkstatt im Heim für Menschen mit Handicap besucht und Gespräche über ihre Malerei und die Tiere darin geführt. Der Film ist ein einfühlsames Portrait und zugleich eine Erinnerung an den Wert der Imagination und Phantasie.

Zurück im Erdgeschoss werden wir eingeladen, auf der Bank aus Tannenholz Platz zu nehmen und die Arbeit sitting in a corn field (2018) von Gerome Gadient über die Headsets zu hören. Seine 4-Kanal Audioinstallation bildet auf akustischer Ebene die Klammer der gesamten Ausstellung. Die Tonaufnahmen über das Mikrofon im Portalbereich werden mittels eines Computerprogramms analysiert, zerlegt und neu zusammengesetzt, wodurch ein abstrakter Klangteppich entsteht. Der Zufall des Algorithmus liefert uns als Ergebnis eine zeitversetzte Spiegelung der Ereignisse im Raum, quasi ein «kubistisches» Klangbildnis von uns und unserer Umgebung.

Letztlich sind es die Grenzen und Randbereiche unserer auf Effizienz, kommerzielle Verwertbarkeit und Hochleistung getrimmten Aufmerksamkeit, welche die Ausstellung Walking Through Clear Water in a Pool Painted Black uns gegenwärtig zu machen und erneut ins Zentrum des Blickfelds zu rücken sucht, und dabei auf sehr sinnliche und spielerische Art experimentelle Verfahrensweisen mit Medien und Materialien präsentiert. Auf das wir das Sehen nicht verlernen.

Alice Wilke

Fotos: Marion Ritzmann, Ekaterina Mahboub