Compassionate

Group show with Daniela Caderas, Roman Gysin, Tanja Nis-Hansen

Kuratiert von Chantal Küng

 

Mittwoch, 9. Mai 2018

18:00–21:00 Uhr

 

 

Die drei in der Ausstellung Compassionate vereinten Künstler_innen teilen ein Interesse an ästhetischen Praxen und den Zuschreibungen, welche auf Grund von Geschmacksentscheiden gemacht werden. Dass die Ästhetik einer Lebensform eine Aussage über ihre soziale und politische Situiertheit tätigt, ist keine neue Erkenntnis; vielmehr gibt es eine künstlerische Tradition von Untersuchungen solcher feinen Unterschiede, welche sich gerade im Alltäglichen zeigen. Für ebendiese alltäglichen Feinheiten bringen die Künstler_innen eine Sensibilität mit sich, welche auch als solidarisch-affizierte Haltung gegenüber dem aufzufassen ist, was als Bad Taste bezeichnet wird und demnach eine ganze Lebensform diskreditieren kann. Diese Wertungen vollziehen sich nicht auf Grund „neutraler“ oder „persönlicher“ Vorzüge; sie widerspiegeln nach wie vor gesellschaftliche Ungleichheiten und deren komplexe Auswirkungen auf die Bildungshintergründe, finanziellen und sozialen Bedingungen, ästhetischen und kulturellen Interessen und Möglichkeiten von gesellschaftlichen Gruppen; kurz gefasst wiederspiegeln sie das, was Roman Gysin mit «Klassenkampf des Geschmacks» umschreibt. Dominante Wertesysteme sind tief in unserem ästhetischen Empfinden verankert und somit sind es auch die dazugehörigen Ein-und Ausschlussverfahren. Diese sichtbar zu machen und zu thematisieren kann als gemeinsames Anliegen der Künstler_innen verstanden werden.

 

Zwei der gezeigten Malereien von Tanja Nis-Hansen referieren auf die Alraune; eine Wurzel, welche in verschiedensten historischen Kontexten und Kulturen zum Sinnbild wurde für Überschreitung. Die Alraune wurde unter verschiedenen Namen berühmt als Zauberpflanze und Aphrodisiakum; die Wurzeln der Pflanze erinnern in ihrer Form an menschliche Körper und wurden oftmals nachbearbeitet, so dass sie tatsächlich als kleine (Menschen-)Wesen erkennbar waren. Die Pflanze erfuhr die grösste Aufmerksamkeit jedoch als Bestandteil der «Hexensalben», welche angeblich von den «Hexen» als Mittel zum Fliegen verwendet wurde. In den beiden Malereien Digestion und Dilemma of a perpetrator werden historische Abbildungen von Alraunen als Wesen, welche nur unter bestimmten Umständen aus der Erde geborgen werden können, zitiert. Die Alraune beginnt der Sage gemäss bei ihrer Entwurzelung so laut zu schreien, dass ein Hund sie aus der Erde ziehen muss und dabei sterben wird. Das Dilemma des Menschen, der den Hund opfern muss, um an die Wurzel zu kommen, kann auf zeitgenössische Fragen der posthumanen Ethik übertragen werden: welches Wesen bestimmt unter welchen Umständen, wer leben oder sterben darf? Und wer wird als Wesen anerkannt? Diese Frage, welche über Jahrhunderte die vorherrschende westliche Rationalität und ihr Verständnis von Wissen dermassen angriff, dass sie in all ihren Ausformungen bekämpft werden musste, wird heute in posthumanistischen Debatten und dem Aufgreifen von animistischen Ideen wieder gestellt. Isabelle Stengers schreibt in «Reclaiming Animism»: “In order to honor the making of connections, to protect it against models and norms, a name may be required. Animism could be the name for this rhizomatic art”, wobei sie gleichzeitig ihre Situiertheit auf der anderen Seite thematisiert; nämlich in der Linie der philosophischen Konzepte, welche einigen erlaubten, andere zu studieren, kategorisieren und kolonialisieren. Die Alraune und das beschriebene Dilemma des Richtens über Wertigkeiten von Leben kann somit als Kritik an solchen Konzepten verstanden werden. Wie jedoch andere Umgänge gefunden werden können, ohne dabei zu einem vermeintlich verlorenen Animismus zurückzukehren, oder das «Andere» wiederum zu appropriieren, ist eine Frage die sich auch im Umgang mit ästhetischen Praxen stellt. «We were all dreaming ‘bout the other without the bother of where it was to be found»; lautet eine Zeile des Textes Suspicious Shapes, den Tanja Nis-Hansen an der Eröffnung von Compassionate vorträgt.

 

Die Arbeit Bodenstreumischung N°3 von Roman Gysin ist zurückhaltend und nimmt gleichzeitig alle Besucher_innen in sich auf. Diese begehen die Arbeit, verändern sie mit ihren Schritten und werden unweigerlich zu Akteur_innen der Installation, die mit den Übergängen von Alltäglichkeit und Künstlichkeit spielt. Der Abfall, das offensichtlich Abgefallene (kaputter Schmuck, Blätter, Rinden), welches sonst auf Strassen und öffentlichen Plätzen liegenbleibt, wird zur Arbeit selbst, welche wiederum mit den Wünschen der Besucher_innen spielt; wer hat nicht schon gehofft, etwas unglaublich Wertvolles gefunden zu haben, wenn es am Boden glitzert? Der Akt jedoch, etwas wirklich vom Boden aufzuheben, zieht unweigerlich eine komische Art von Scham mit sich; ein Begehren, ein unzuschreibbares Hoffen, wird offenbart, öffentlich gemacht, und nicht nur dies; der Moment der Wertzuschreibung, der Entscheidung über «wertvoll» versus «Abfall» wird sichtbar. Solche Randzonen, Momente des Übergangs von „gutem“ und „schlechtem Geschmack“, Wertigkeit und Wertlosigkeit, sind Teil der Erkundungen von Roman Gysin. Das Arrangement oder die Dekoration als künstlich herbeigeführte Atmosphäre, welche versucht, eine Authentizität zu suggerieren, darin aber zum Scheitern verurteilt ist, ist ein weiterer Bezugspunkt. Dabei geht Gysin aber keineswegs zynisch vor; ihn interessiert eine Form des Mitfühlens oder eine Strategie der Aneignung als Möglichkeit der Überschreitung der eigenen Lebensform. Das Affiziert-Sein und Situiert-Sein sind in diesem Sinne Roman Gysins künstlerische Strategien.

 

Daniela Caderas teilt diese Sensibilität für ästhetische Praxen, wobei ihre Arbeiten sich meist als Wiederholungen und Aneignungen von gesehenen, alltagskulturellen Gegenständen zeigen. Diese werden in aufwendigen Prozeduren und Handarbeit wiederaufgegriffen, transformiert und aufgewertet, im Massstab verzerrt oder «gefaket». Der Fake wird dabei zur Strategie der Aneignung, aber auch der Befragung und Zurschaustellung von kulturellen Objekten und Artefakten. Zwei der eigens für den Tank produzierten Objekte der dreiteiligen Arbeit It‘s a choice können somit als überdimensionale Halsketten, Zahnspangen oder Traumfänger interpretiert werden und entbehren nicht einer gewissen dekorativen Wirkung. In ihrer Überdimensionierung karikieren sie so aber auch den Wunsch nach Schmuck und Dekoration, welche sich in der Verknüpfung der Arbeiten von Gysin und Caderas in unterschiedlichen Spielarten zeigt; als abgefallene, entwertete, fast unsichbare Objekte und als überdimensionierte, die Architektur als Körper definierende, Skulpturen. Die Fensterbank, oder das Regal, welches sich ebenfalls als «Fake» entpuppt und in seiner Funktion ungeklärt bleibt, klemmt irgendwie prekär in der Pavillonarchitektur. Diese Setzungen sind gleichzeitig humorvolle Aneignungen und liebevolle Aufwertung des Ausstellungsraumes.

 

 

 

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Alle Fotos: Flavio Karrer 

 

The Students’ Kingdom is the name given to the TANK when students claim it as an experimentation place, a laboratory for their practice in order to present and challenge their work in an open space as well as to foster a dialogue with the public.
 
Der TANK
Campus der Künste Basel
Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW
Freilager-Platz | Pavillon, Basel / Münchenstein
 
 
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